Zwischenbericht

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Nach ca. einem halben Jahr Auslandsaufenthalt möchte ich meine bisherigen persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse schildern.Wie gefällt es mir in den USA? Wie war das Studiensemester? Wie ist die Arbeit? Ist alles wahr, was man über die Amerikaner sagt? Wie ist der Kontakt zur neuen Familie und zu Freunden? Hab ich Heimweh? Was waren die Highlights der letzten Monate? Und hat es sich bisher gelohnt in die USA zu gehen?DSCF1254

Ein Jahr in den USA zu leben, zu studieren und zu arbeiten:  das ist für viele ein Traum. Seit August 2009 lebe ich in Alabama bei einer Gastfamilie. Das Stipendium vom deutschen Bundestag hat´s möglich gemacht. Von August bis Dezember habe ich an einem College in Alabama studiert und seit Januar gehe ich in die Arbeit. Der Juli wird ein ganz besonderer Monat, in dem ich durch die USA reise. Nach einem Abschlussseminar in Washington werde ich Ende Juli dann wieder in Deutschland sein.

 

Das Leben in den Südstaaten gefällt mir sehr gut. Vorteil der Region ist vor allem das warme Wetter. Im Winter gibt es keinen Schnee und die derzeitigen Temperaturen im Januar fühlen sich fast so an wie du Sommertemperaturen in Deutschland. Durchschnittlich ist es wohl ca. 5-10 Grad wärmer hier, also richtig angenehm. Die Vegetation ist stark mit der in Deutschland vergleichbar.

Die Südstaaten werden außerdem als Region des „Bible Belt“ bezeichnet. Hier gehen die Leute eben noch in die Kirche! An jeder Straßenecke gibt es eine. Die meisten sind evangelisch und reichen von sehr konservativen Gottesdiensten wie in den evangelischen deutschen Kirchen bis hin zu modernen Gottesdiensten wie in deutschen Freikirchen. Auch ich habe mich bei der großen Auswahl in verschiedenen Kirchen umgesehen und mich für eine junge Gemeinde entschieden, nachdem ich mehrere Monate eine Gemeinde mit über 1.000 Gottesdienstbesuchern besucht habe. Die kleinere Gemeinde ist eben doch persönlicher, ich komme im Glauben weiter und lerne dazu. Ja, Jesus ist eben auch in Amerika. Von den Gemeindemitgliedern werde sehr freundlich aufgenommen und allen möglichen Leuten vorgestellt. Als Deutscher ist man sehr willkommen und kommt auch schnell mit fremden Leuten ins Gespräch. Jeder Amerikaner war entweder schon mal in Deutschland, hat Verwandte dort oder kennt jemanden, der aus Deutschland kommt. Das wird mir dann immer ganz stolz berichtet. Liegt natürlich daran, dass die Deutschen seit der Entdeckung Amerikas die größte Einwanderungsgruppe darstellen. Viele Amerikaner sagen auch, dass sie gerne nach Deutschland kommen wollen und dass es dort wunderschön sein soll. J

Ich wohne in einem Haus mit riesengroßem Garten etwas abseits und 20 Minuten entfernt von einer Stadt mit 200.000 Einwohnern. Meine Gastfamilie besteht aus meinem Gastvater David, der in einer Druckereifirma arbeitet, meiner Gastmutter Kristina, die Lehrerin ist und meinen Gastbrüdern Sam (24) und Mark (23). Beide studieren Ingenieurwesen. Ich (22) bin nunchristmas09_44 nicht mehr wie in Deutschland gewohnt das älteste Kind, sondern das Jüngste! Ein komisches Gefühl… Das Verhältnis zur Gastfamilie ist sehr gut und ich werde wie ein eigener Sohn behandelt. Alle sind sehr hilfsbereit und kümmern sich um mich. Da jeder viel beschäftigt ist mit Arbeit bin ich größtenteils selbstständig. Ich bewohne alleine das Untergeschoss und kümmere mich sozusagen selbst um meinen eigenen Haushalt. Ich habe eine eigene Dusche/WC, ein eigenes Wohnzimmer und koche meist auch für mich selbst. An vielen Tagen sehe ich meine Gastfamilie arbeitsbedingt nicht und bin eigenständig unterwegs. An Wochenenden besteht mehr Gemeinschaft. Das ist auch sehr gut so für mich, denn so kann ich mich selbst um meine Sachen kümmern und habe doch immer wieder regelmäßigen Kontakt zur Familie, ein perfekter Ausgleich also.

Eine negative Begleiterscheinung meines Auslandsjahres ist natürlich, dass ich meine Verlobte Daniela für eine lange Zeit nicht sehen kann. Sie kommt mich Ende März für 16 Tage besuchen und wir planen eine Reise zum Springbreak, nach Miami/Florida und vielleicht ins Disneyworld. Außerdem haben wir regelmäßigen Kontakt über Skype. Durch die lange Abwesenheit ist mir klar geworden, wie viel mir Daniela bedeutet. Das hat auch unsere Heiratspläne beschleunigt und so werden wir im September 2010 auf Schloss Craheim heiraten.   

Für mich hat die Aufgabe meines Lebens in Deutschland einen großen Schritt in das abenteuerliche Ungewisse bedeutet: in Deutschland hatte ich das perfekte Leben, einen Job als Banker der mir Spaß machte, meine Verlobte, viele Freunde, meine Familie, alles war perfekt. Um sich das in den USA aufzubauen, dauert es natürlich einige Zeit. Anfangs hat man keine Freunde, die Familie ist noch unbekannt und man befindet sich in einem komplett fremden Land.  Trotzdem stand ich an jedem  Tag hinter meiner Entscheidung und habe immer nach Möglichkeiten und Herausforderungen Ausschau gehalten.

Insgesamt kann ich über die USA sagen, dass alles, was man über die Amis hört, wahr ist 😉 Alle meine Vorurteile haben sich bestätigt: Viele dicke Menschen, undurchschaubare Politik, billig gebaute Häuser, Oberflächlichkeit, Fast Food, usw.  Aber das ist okay, das hab ich erwartet. Der Unterschied zu Deutschland ist nicht groß. Die Bürokratie ist dieselbe. Das System, wie Dinge, Organisationen etc. funktionieren ist auch ungefähr gleich. Wirklich kein großer Unterschied, finde ich. Was ich aber von den USA erwartet habe ist, dass das Land insgesamt noch mal ein Sahnehäubchen besser ist wie Deutschland. Für mich ist Deutschland wie drei Kugeln von meinem Lieblingseis, und ich dachte, die USA würde nochmal was draufsetzen. Stattdessen nehmen mir die Amerikaner eine halbe Kugel weg! Das ist aber nicht so schlimm, da immer noch genug Eis für mich übrig ist J

Apropos Eis: Zugenommen hab ich in den USA bisher nicht. Trotz leckerem Essen (wobei hier seeehr vieles ungesund ist) bin ich inDSCF0009 - Kopie Topform. Ging bisher aber auch nur, weil ich sehr auf meine Ernährung achte und regelmäßig mit meinem Trainingspartner Jeff ins Fitnessstudio gehe.

Der erste Teil meines Auslandsjahres bestand aus dem Studium an einem College. Nachdem ich mir ein Auto gekauft habe und meine Social Security Card besorgt habe, konnte ich mich für das College anmelden. Hierbei konnte ich meine Kurse frei wählen und habe mich für drei Business Kurse (Personalwesen, Business Communication und Marketing) sowie für zwei Sportkurse (Konditionstraining und Gewichtheben) entschieden. Hat sich alles vielversprechend angehört, im Nachhinein war ich dann aber eher enttäuscht. Durch mein Fachabitur und meine Vorbildung als Banker habe ich leider wenig Neues gelernt. Alle Kurse habe ich mit der Bestnote absolviert.

Das soziale Leben am College war unerwartet arm. Außerschulische Aktivitäten wurden so gut wie nicht angeboten und nach dem College sind die Studenten sofort heim gegangen. Die meisten Studenten müssen nebenbei arbeiten, um sich die Studiengebühren und das Leben leisten zu können. Kontakte wie einen internationalen Studentenclub und einen christlichen Jugendkreis habe ich mir deshalb außerhalb des Colleges gesucht.

Seit Januar arbeite ich in einer Filiale einer nordamerikanischen Tankstellengesellschaft als „Customer Service Representative“ (Kundendienstberater) in der Studentenstadt Auburn (ca. 25.000 Studenten). Obwohl das grundlegende Business der Firmenkette auf den Einzelhandel und den Verkauf von Benzin gerichtet ist, ist der Job sehr gut mit meinem alten Beruf als Banker vergleichbar: Alles dreht sich ums Geld, ich bediene viele Kunden, hab viel Smalltalk, nette Kollegen, kann Kaffee während der Arbeit trinken, hab alle möglichen Versicherungen und einen warmen Job im Inneren. Außerdem verdiene ichDSCF1001 - Kopie ungefähr dasselbe wie damals als ausgelernter Banker bei der Sparkasse (nur eben in Dollar), ohne sich um den lästigen Papierkram kümmern zu müssen. Während der Arbeit bekommen wir alle Getränke umsonst, und den genialen Kaffee den ich mir während meiner Studentenzeit dort immer gekauft habe kann ich jetzt umsonst zur Genüge genießen. Da es in Amerika viel weniger Arbeitsschutzgesetze gibt, muss ich während meiner Arbeitszeit auch keine offiziellen Pausen machen. Weiterhin kann ich mir meinen Arbeitsplan in soweit selbst bestimmen, dass ich mir freie Tage nehmen kann wann immer ich will. Abgesehen von der Entfernung (30 Meilen = 50km) von meinem Arbeitsplatz sind die Rahmenbedingungen schon optimal. Die Filiale beinhaltet außerdem ein riesengroßes Bierarsenal, weswegen hier viele Studenten vorbeikommen und einkaufen. Als Bayer und damit auch traditioneller Biertrinker ist es mir eine Freude, das Bierarsenal regelmäßig aufzufüllen 😉 Für mich ist der Job sehr gut, da ich so viel Kontakt und gute Gespräche habe zu verschiedensten Menschen habe. Vor allem aber genieße ich aber die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen, die überwiegend in meinem Alter sind. Da ich die deutschen Tugenden wie Pünktlichkeit und Fleiß (meist) bei der Arbeit zeige (die bei einigen Kollegen nicht vorhanden sind) komme ich mit allen Kollegen super aus.

Nebenbei arbeite ich derzeit noch als Koch in einem Pizza Hut und als Kellner und Koch in einem deutschen Restaurant. Beides gefällt mir sehr gut. Im Pizza Hut arbeiten die verschiedensten Leute und Charaktere, deswegen ist die Zusammenarbeit sehr lustig und einzigartig. Die Erfahrungen, die ich dort mit den schwarzen Kolleginnen und Kollegen mache sind einmalig. Schon allein die Sprache ist ein Phänomen: Ich verstehe oft kein einziges Wort von dem, was die sagen. Das Coole am Pizza Hut ist, dassDSCF1002 - Kopie ich neben der Arbeit essen kann und mit abends immer meine eigene Pizzakreation zubereiten darf. Die ist dann automatisch mein Abendessen oder das Mittagessen für den nächsten Tag J Im deutschen Restaurant ist es ein großer Vorteil, deutscher zu sein. Ist ja klar. So weiß ich immer irgendeine Geschichte über Deutschland zu erzählen oder kann was auf Deutsch sagen und die Gäste sind begeistert.

Insgesamt bin ich sehr froh, so viele Jobmöglichkeiten gefunden zu haben. Die Wirtschaftskrise ist in den USA noch sehr stark zu spüren und viele qualifizierte amerikanische Arbeitskräfte haben Probleme einen Job zu finden. Daher bin ich froh als Deutscher, der nur für 6 Monate lang in den USA arbeiten wird etwas gefunden zu haben, dass mir Spaß macht.

Die Highlights der vergangenen sechs Monate waren mit Sicherheit die Tage, in denen ich in New York war, meine Aufenthalte in Atlanta, das NASCAR Autorennen, Weihnachten in Pennsylvania und die Footballspiele im Stadion. Für Ende März bis Anfang April fiebere ich dem Besuch von Daniela entgegen… Außerdem steht mir der ganze Monat Juli zum Reisen zur Verfügung, bevor wir unser Abschlussseminar in Washington haben werden. Dafür werde ich mich mit anderen Teilnehmern des Austauschprogramms zusammentun. Es ist geplant mit dem Auto die gesamte Westküste von der Grenze zu Mexiko über Kalifornien bis hoch nach Kanada zu fahren. Das ist auf jeden Fall auch ein Highlight, dem ich erwartungsvoll entgegenblicke.

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Als bisheriges Resumé kann ich sagen, dass ein Auslandsaufenthalt von zwei Faktoren abhängt: Wie man selbst drauf ist und wie die Umwelt (zum Beispiel andere Menschen, das Studium, die Arbeit, etc.) beschaffen ist. Die beiden Aspekte betreffend kann ich sagen: Mir geht’s super! Da die ersten Monate bedingt durch das College etwas unter meinen Erwartungen verlaufen sind geht´s jetzt richtig ab. Ich mach das Beste draus, bin positiv zu meinen Jobs eingestellt, hab eine klasse Familie und gute Freunde gefunden!!! Ich denke auch, dass man die Erfahrungen, die man im Ausland sammelt, schwer woanders herbekommt. Ich bin mir sicher, dass sich das Jahr ausbezahlt macht. Deswegen schätze und genieße ich die Zeit, freue mich aber natürlich auch wieder auf Deutschland und meine Verlobte!

Posted on Januar 26th 2010 in New York

3 Responses to “Zwischenbericht”

  1. Zellenradschleusen Says:

    Ich bin total beeindruckt! Das warjetzt wirklich der allererste, authentische und ausführliche Beitrag zu einem Auslandssemester in den USA, wonach ich schon lange Zeit gesucht habe:-)
    Ich hatte auch mal mit dem Gedanken gespielt ein Auslandssemester in Schweden zu machen, und dieser Wunsch besteht immernoch.
    Amerika will ich allerdings auch unbedingt mal bereisen, am besten als Urlaubsziel, also auf keinen Fall mehrere Monate am Stück… da habe ich glaube ich nicht so das Glück wie du, direkt einen job zu bekommen wie du. wieso hast du eigentlich zwei Jobs? Reicht das Gehalt sonst nicht aus? Hast du genug Zeit dann noch nebenbei zum College zu gehen und ausreichend zu lernen?
    Gerne würde ich dort vor Ortmeine Englischkenntnisse etwas auffrischen. Ich verstehe und spreche eben nur das Schulenglisch…würde ich damit hinkommen in Amerika, um mich verständigen zu können?
    Vielen Dank auf jeden Fall für deinen ausführlichen Bericht, der gibt einem wirklich einen guten Eindruck.
    Und traurig bin ich dann jetzt auch gar nicht darüber, dass mein Freund für zwei Wochen im Urlaub ohne mich ist…:vielleicht kommt er wieder und will mich auch direkt heiraten;-)

  2. Stefan Frank Says:

    Hi,
    danke für deinen Kommentar, freut mich wenn dir mein Bericht gefällt!
    Zu deinen Fragen: Mein erster Job ist 32 Stunden in der Woche, deswegen arbeite ich noch zusätzlich im Restaurant.
    Ich war nicht der Schlechteste mit meinem Englisch in der Schule, aber trotzdem ist es nochmal was anderes, vor allem im Süden der USA. Der Dialekt ist fast wie nochmal ne andere Sprache zu lernen 😉 Im Norden Amerikas oder anderen englischsprachigen Ländern ist es wahrscheinlich leichter.
    Egal für welches Land du dich entscheidest, wenn du offen bist und nette Leute kennen lernst wird´s bestimmt ne super Erfahrung!

  3. Von Backbone Says:

    Of course, what a magnificent website and educative posts, I definitely should bookmark your site. Very best Regards!

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